Neuer Lesekreis!

Am 25.04. lesen wir „Cooperative Networks: Altruism, Group Solidarity, Reciprocity, and Sanctioning in Ugandan Producer Organizations“ von Delia Baldassarri.
Der Artikel befasst sich mit einer der ältesten Fragen der Soziologie: „Wie ist kollektives Handeln möglich?“. Obwohl es viele theoretische Ansätze gibt, um diese Frage zu beantworten – von rational choice bis zu interaktionistischen Herangehensweisen – gibt es wenig empirische Belege für den ein oder den anderen Ansatz. Der Artikel macht daher Gebrauch von von Interviews, Experimenten und sozialer Netzwerkanalyse, um die Forschung von theoretischen Spekulationen zu empirischen Belegen zu führen.

Den Artikel gibt es hier: https://www.jstor.org/stable/10.1086/682418…

Wie immer findet der Lesekreis an der Universität Mannheim statt (wo genau ist aktuell noch nicht klar). Ihr könnt aber auch gerne via Discord dabei sein. Ihr findet uns als AGAS#6672.

Um 19:00 geht’s los!

Nächster Lesekreis am 07.02.2019

Wie entstehen kulturelle Unterschiede? Diese Frage hat die Soziologie bislang mit Verweis auf strukturelle Begrenzungen und selektive Interaktionen zwischen Individuen beantwortet, die den Diffusionsprozess kultureller Praktiken beeinflussen. Gegen solch eine Erklärung jedoch erheben Amir Goldberg und Sarah K. Stein den Einwand, dass sich so zwar kulturelle Unterschiede zwischen aber nicht innerhalb von Netzwerkclustern erklären lassen. Als Alternativerklärung erarbeiten sie daher das Konzept der assoziativen Diffusion, nach welchem sich nicht kulturelle Praktiken und Sichtweisen an sich verbreiten, sondern Vorstellungen davon welche dieser Kulturelemente zueinander passen, wodurch die a priori Annahmen bisheriger Kulturdiffusionsmodelle zur Erklärung kultureller Heterogenität hinfällig werden.

Mit dieser Idee von Amir Goldberg und Sarah K. Stein wollen wir uns am 07.02.2019 in unserem Lesekreis um 19 Uhr näher beschäftigen und freuen uns auf eine angeregte Diskussion mit euch.

Den Text zur Sitzung findet ihr hier:

https://journals.sagepub.com/doi/full/10.1177/0003122418797576

 

Nächster Lesekreis am 15.11.2018

Unser nächster Lesekreis steht ganz im Zeichen der Textanalyse. Dazu lesen wir zwei Texte, die versuchen mit jeweils unterschiedlichen textanalytischen Ansätzen verschiedene Prozesse innerhalb von Konflikten zu greifen.

Hoffmann, Cointent, Brandt, Key & Bearman geben anhand semantischer Netzwerke Einblick den Gebrauch der Bibel von Konformisten und Dissidenten im England des 18. Jahrhunderts und ziehen die Linie deren Konflikts nach.

https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0304422X17301778

Christopher Bail dagegen verwendet Plagiatssoftware um zu zeigen, wie islamophobe Organisationen den Diskurs in den amerikanischen Medien nach den Anschlägen des 11. Septembers dominieren konnten.

http://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0003122412465743

Wir treffen uns in gewohnter Manier am 15.11.2018 um 19 Uhr.

Nächster Lesekreis am 18.10.2018

Auf welche Art und Weise und unter welchen Bedingungen führt(e) politische Modernisierung zur Entstehung von Nationen, der Politisierung ethnischer Spaltungen oder dem Aufkommen von Populismus? Dieser Frage widmen sich Clemens Kroneberg und Andreas Wimmer in ihrem Artikel:

Struggling over the Boundaries of Belonging: A Formal Model of Nation Building, Ethnic Closure, and Populism

Ihre Antwort in Form eines formalen Modells und noch mehr werden wir bei unserem nächsten Lesekreis am 18.10.2018 um 19 Uhr diskutieren.

Nächster Lesekreis am 12.09.2018!

Der Finanzmarkt wird zunehmend von den Interaktionen von automatisierten Algorithmen strukturiert. Aber wie funktionieren diese und wie sind sie entstanden? Und welche Implikationen hat es, über solche Algorithmen als Akteure nachzudenken, die durch ihre Aktionen und Interaktionen „mitbestimmen“, wie einer der zentralsten Märkte der modernen Gesellschaft funktioniert?

Hierzu lesen wir am Mittwoch, den 12.09. Donald „Material Signals: A Historical Sociology of High-Frequency Trading“.

Den Artikel gibt’s hier: https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/697318

Wie immer könnt ihr auch via Discord an der Sitzung teilnehmen. Ihr findet  uns dort als AGAS#6672.

Nächster Lesekreis am 22.08. um 19 Uhr

In unserem nächsten Lesekreis am 22.08 wenden wir uns ab 19 Uhr Amir Goldberg’s „Mapping Shared Understandings Using Relational Class Analysis: The Case of the Cultural Omnivore Reexamined“ zu!

Den Artikel findet ihr hier: https://www.journals.uchicago.edu/doi/abs/10.1086/657976

Auch dieser Lesekreis wird via Discord (https://discordapp.com/) durchgeführt. Ihr findet uns als AGAS#6672. Fügt uns einfach als Freund hinzu!

AGAS Review #1 – Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550-1720 (Emily Erikson & Mark Hamilton)

In ihrem Artikel Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550-1720 beschreiben die Autoren Emily Erikson und Mark Hamilton wie das vermehrte Aufkommen von Handelskompanien im England des 17. Jahrhundert, gekoppelt an dessen institutionelle Gegebenheiten, zu einer ersten Blüte ökonomischen Denkens führte.

Mikroebene

Ihr Argument entfalten die Autoren hierbei auf meheren Ebenen. Auf der Mikroebene haben Handelskompanien durch ihre umfassenden Handelspriviligien und politische Funktion im Laufe des 17. Jahrhunderts immer wieder Zündstoff für Diskussionen geliefert, so weit diese als Auslöser verschiedener ökonomischer und/oder Handelkrisen angesehen wurden. Die Frage, ob die umfassenden Privilegien Handelskompanien ökonomisch sinnvoll seien oder verändert werde sollten, stand mehr als einmal im Raum des politischen Diskurses, konnte aber aufgrund einer mangelnden Repräsentation an Händlern und Ökonomen im britischen Parlament nicht auf politischer Ebenen erörtert werden. Ohne die Möglichkeit einer direkten politischen Einflussnahme wichen die Diskutanten in den etwa zur gleichen Zeit durch steigende Alphabetisierung entstanden öffentlichen Raum als Diskussionsplattform aus, um so vermittelt durch öffentlichen Druck politische Einscheidungsträger in diese oder jene Richtung zu bewegen. Ökonomen begannen Schriften und Bücher zu verfassen, die sich oftmals mit einer für Handelskompanien relevanten oder auf diese bezogenen Themen beschäftigten und sich für diesen oder jenen Umgang mit Handelskompanien im engeren und für diese oder jene staatswirtschaftliche Ausrichtung im weiteren Sinne aussprachen. Quasi natürlich begannen Widersacher im Streit um öffentliche Aufmerksamkeit und das Gehör politischer Entscheidungsträger auf diese Schriften zu antworten, um in eigenen Werken etwaige Gegenpositionen zu beziehen. Ebenso begannen Gleichgesinnte sich auf frühere Werke ihrer Kollegen zu beziehen, um sich selbst zu legitimieren oder deren Ansätze auszubauen. Somit entstand eine öffentlich – ökonomische Diskussionskultur, die den Austausch und Streit zwischen Ökonomen stark befeuerte und zu einem rasanten Anstieg an ökonomischen Schriften führte.

Makroebene

Das dieser Anstieg tatsächlich mit einem vermehrten Anzahl an Handelskompanien auf institutioneller Ebene zusammen hing, zeigen die Autoren mittels einer Zeitreihenanalyse von zehn Zeitpunkten zwischen 1550-1720. Sie können zeigen, dass sich zu jedem bestimmten Zeitpunkt die Anzahl von Handelskompanien positiv auf die Menge veröffentlicher ökonomischer Schriften auswirkte, nicht jedoch auf zu dieser Zeit sehr nahestehenden politischen oder philosophischen Schriften.

Inhaltliche Ebene

Auf diese Artverwandtschaft beziehen sich Erikson und Hamilton in einem dritten Schritt, in dem sie den Inhalt ökonomischer Schriften im Zeitverlauf über das 18. Jahrhundert verfolgen. Ende des 17. Und Anfang des 18. Jahrhunderts war ökonomisches Denken eingebettet in die Moralphilosophie und beschäftigte sich hauptsächlich mit moralischen Fragen wirtschaftlichen Handelns, Zinswucher und Hauswirtschaft. Mittels qualitativen Inhaltsanalysen stellten die Autoren im Laufe des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts eine thematische Verschiebung zu Thematiken fest, die für Handelskompanien relevant waren wie deren eigener Handel, Überseehandel, aber auch öffentliche Schulden, Finanzwirtschaft und Finanzpolitik.

Biographische Ebene

Auf einer vierten – biographischen – Ebene verfolgen die Autoren den beruflichen Hintergrund der Verfasser von 1550-1710 veröffentlichter Schriften. Sie stellen fest, dass sich die Anzahl an Händlern unter den Autoren im Laufe der Zeit stetig erhöht bis diese ab 1690 sogar den größten Anteil unter den betrachteten Berufsgruppen stellen.

Methodik

Als Datengrundlagen verwenden Erikson und Hamilton einen selbst erstellen Datensatz, welcher haupstächlich aus dem Making of the Modern World Datensatz und dem English Short Title Catalogue besteht und somit den Großteil aller bekannten ökonomsichen Schriften beinhaltet. Diesen unterteilten die Autoren in zehn Zeitpunkte zwischen 1550-1720 und nutzen ein Vektorautoregressionsmodell als zentrales Analyseinstrument. Autoregressionsmodelle basieren auf der Annahme zeitlich geordneter Daten (t0,t1,…,tn) und der Annahme, dass die Ausprägung einer endogenen Variable durch ihre eigenen Vergangenheitswerte bestimmt wird. Ausprägungen zum Zeitpunkt t+1 sind dabei Ergebnisse einer linearen Funktion der Ausprägungen zum Zeitpunkt t unter Einbeziehung von Störeinflüssen. Eine Vektorautoregression generalisiert diesen Prozess zu jedem Zeitpunkt auf mehrdimensionaler Ebene, um die Ausprägung einer abhängigen Variable – in diesem Falle der Anzahl veröffentlicher ökonomischer Texte – zu bestimmen. Um zusätzlich die Zeit einzubeziehen, die es brauchte die Texte zu verfassen, modellierten die Autoren ihr Modell mit einer zeitlichen Verzögerung (Lag) von einem Jahr.

Fazit

Alles in allem ist das Argument der Autoren simpel und einleuchtend auf mehreren Ebenen und wurde fein säuberlich dargelegt. Auch der von den Autoren selbst erstellte Datensatz sowie die analytischen Methoden lassen wenig Raum für Kritik, von durch den Bürgerkrieg entstanden Datenlücken einmal abgesehen. Insbesondere aber ihr Vektorautoregressionmodell profitiert enorm durch den Einbezug spezifischer Kontrollvariablen durch die die gängigen Erklärungen für das Aufkommen ökonomischen Denkens im 17. Jahrhundert quasi ausgeschlossen werden konnten. Diese insgesamt fünf Alternativerklärung beschreiben die Autoren gleich zu Beginn: (1) Erhöhte Komplexität die ökonomischer Erklärungen bedarf; (2) die logistische Komplexität des aufkommenden Überseehandels; (3) das Aufkommen der Nationalstaaten und deren Bedürfnis nach Kontrolle über ökonomische Ressourcen im Hinblick auf militärische Stärke und Expansion; (4) die internationale Konkurrenz zwischen Nationalstaaten und (5) dem Aufkommen des öffentlichen Raums zur etwa gleichen Zeit. Lediglich mehr Informationen über den Vergleich zu den Niederlanden, den die Autoren immer wieder anreißen, wäre wünschenwert gewesen. Erikson und Hamilton untermauern ihr Argument des Einflusses der geringen Repräsentation von Händlern im britischen Parlament mit einem Vergleich zu den Niederlanden, die zur damaligen Zeit ähnlich ökonomisch fortschrittlich waren und in deren Parlament Händler besser repräsentiert und daher nicht gezwungen den Umweg über die Öffentlichkeit zu nehmen, um politischen Einfluss aus zu üben. Die Autoren versäumen es jedoch dem Leser weitere Informationen über die damalige Situation in den Niederlanden an die Hand zu geben, so dass unschlüssig ist wie vergleichbar das England des 17. Jahrhunderts mit den Niederlanden des 17. Jahrhunderts war. Dies ist aber nur ein kleiner Wehrmutstropfen in  einem ansonsten sehr guten und lesenswerten Artikels.

Quelle

Emily Erikson and Mark Hamilton, „Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550–1720,“ American Journal of Sociology 124, no. 1 (July 2018): 111-149.

Analytische Soziologie

„This approach to sociological theorizing and research, which I refer to as ’analytical sociology‘, seeks to explain complex social processes by carefully dissecting them and then bringing into focus their most important constituent components.” – Peter Hedström (2005: 1)

Spätestens seit der Wahl Donald Trumps wird die Situation in den USA, der Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen, von vielen Beobachtern als Kulturkampf beschrieben. Wie wir alle wissen, sind Liberale und Konservative zwei soziale Gruppen, die sich mit zwei völlig konträren Lebensstilen gegenüberstehen. Liberale, das sind Menschen, die für die Gleichberechtigung der gleichgeschlechtlichen Ehe sind, die Wissenschaft den Vorzug gegenüber Religion geben, und gerne Jazz hören. Konservative hingegen sind solche, die die Ehe für eine gottgegebene Institution halten, die die Welt in schwarz und weiß einteilen und moderne Kunst als etwas abwerten, das auch von Kindern hergestellt werden könnte.

Diese Liste von Attributen ist vollkommen willkürlich zusammengestellt und spiegelt doch eine fundamentale und längst zu Allgemeinwissen gewordene soziologische Einsicht wieder: Politische Einstellungen, religiöser Glauben, Konsumverhalten, ästhetische Geschmäcker und moralische Überzeugungen sind stark miteinander korreliert. Auf der gesellschaftlichen Makroebene bilden sich dadurch relativ klar abgrenzbare Cluster von Lebensstilen, welche in sozialwissenschaftlichen Erhebungen, wie etwa dem General Social Survey der USA und dem Allbus in Deutschland, immer wieder aufs Neue bestätigt werden. Aber woher kommen diese korrelierten Cluster? Wieso finden wir Menschen uns tendenziell umgeben von Anderen, die ähnliche Attribute haben wie wir?

Aufbauend auf den Arbeiten Pierre Bourdieus hat insbesondere die statistisch orientierte Soziologie versucht solche Korrelationen durch die inhärenten Eigenschaften der Attribute zu erklären. Ein typisches Argument könnte etwa lauten: Da Liberale sozial inklusiv denken und Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, hören sie gerne Jazz, welcher von der afro-amerikanischen Randgruppe der USA erfunden wurde Solche Erklärungen sind häufig intuitiv einleuchtend. Die Zusammenhang besteht also in einer sinnhaften Verbindung zwischen dem Attribut „Liberal sein“ und dem Attribut „Jazz mögen“. Bestimmte Kulturobjekte und Einstellungen erscheinen sinnhaft miteinander verbunden, und es erscheint logisch, dass die Erklärung ihrer Korrelation in dieser sinnhaften Verbindung zu suchen ist. Häufig verlangen solche Erklärungen aber auch viel Kreativität auf Seiten des Forschers. Wie beispielsweise lässt sich der Zusammenhang von konservativer politischer Einstellung und Befürwortung von individuellem Waffenbesitz erklären? Gleichzeitig kommt es auch immer wieder zu inkonsistenten Korrelationen: Zwar kann gezeigt werden, dass Liberale seltener beten als Konservative (was intuitiv Sinn ergibt), gleichzeitig fühlen sich Liberale aber auch zu New Age Esoterik hingezogen und lesen häufiger Horoskope (DellaPosta, Shi und Macy 2015). Ansätze in dieser Tradition tendieren zu zwei Lösungen: Entweder werden die Geschichten, die als Erklärungen für solche Zusammenhänge dienen, immer ausgefeilter aber auch weniger generalisierbar, oder der statistische Zusammenhang wird als gegeben akzeptiert und eine theoretische Einordnung ausgeblendet.

Eine dritte Möglichkeit, die beschriebenen sozialen Phänomene zu erklären, wurde in einem Artikel von DellaPosta, Shi und Macy angeboten (2015). Das Modell der Autoren wird hier beispielhaft für den Ansatz analytischer Soziologie vorgestellt. Das Modell repräsentiert eine simple, präzise, handlungs-basierte und generalisierbare Erklärung, denn die Autoren gehen davon aus, dass es zwei soziale Mechanismen sind, die für die beobachteten Phänomene verantwortlich sind: Homophilie und sozialer Einfluss.

Homophilie bezeichnet die Tendenz von Menschen, soziale Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen, die ihnen ähnlich sind – bezogen auf Demographie, sozio-ökonomischen Status oder Einstellungen und Geschmäcker. Sozialer Einfluss bezeichnet das soziale Phänomen, dass Menschen die Verhaltensweisen und Einstellungen derer übernehmen, mit denen sie häufig Kontakt haben – Eltern, Partner, Freunde, Kollegen.

Führt man beide sozialen Mechanismen in einem Modell zusammen, lässt sich die Korrelation von Attributen auf eine neue Weise erklären. Nehmen wir an, ein Akteur A geht eine soziale Beziehung mit einem Akteur B ein, da sie beide eine Vorliebe für Jazz teilen (Homophilie). B ist zufällig auch politisch liberal eingestellt, A hingegen hat keine klar definierte politische Meinung. Nach einiger Zeit, so die Theorie, wird A seine politische Einstellung derer von B anpassen (sozialer Einfluss), sodass beide sowohl den Geschmack für Jazz als auch eine liberale Einstellung teilen. Die interessante Implikation dieses simplen Modells ist nun, dass die Erklärung genauso funktionieren würde, wenn geteilte liberale Einstellung die ursprüngliche Ähnlichkeit ist, welche zur Bildung einer Beziehung führt, und über sozialen Einfluss dann der Geschmack für Jazz von B auf A übergeht. Ebenso würde die Theorie erlauben, jegliche zwei oder mehr Attribute auf diese Weise zu verbinden. Entfernt man sich nun von der dyadischen Situation und stellt sich eine Gesellschaft mit vielen Individuen mit zufälligen Start-Attributen vor, ist leicht vorstellbar, wie diese Individuen sich nach kurzer Zeit in Gruppen zusammenfinden, welche genau die gefundenen Korrelationen aufweisen. Diese Gruppen werden größer und homogener, bis die gesamte Gesellschaft in wenige, klar identifizierbare Cluster differenziert ist.

Credit: Shawn Econo (Flickr, CC-BY-NC-SA-2.0)

Das theoretische Modell der Autoren ist damit relativ simpel und basiert auf präzisen, auch psychologisch gut fundierten, Annahmen über menschliches Verhalten: Homophilie und sozialer Einfluss. Gleichzeitig führt es zu mehreren fundamentalen Einsichten. Erstens lässt sich mithilfe dieses Modells sagen, dass Geschmäcker und politische Einstellungen vollkommen zufällig miteinander korrelieren, und nicht aufgrund der sinnhalten Eigenschaften der Attribute. Zweitens weist das Modell auf die Wichtigkeit hin, die spezifische Verteilung von Attributen in einer Gesellschaft auf spezifische historische Momente zurückzuführen und pfad-abhängigen Entwicklungen bei der Ausprägung von Lebensstilen mehr Gewicht einzuräumen.

Die Autoren bieten damit eine typisch analytische Erklärung an. Sie formulieren klare und präzise Annahmen über menschliches Verhalten und leiten daraus soziale Mechanismen ab, welche zur handlungs-basierten Erklärung sozialer Phänomene herangezogen werden. Das soziale Phänomen wird dazu in seine analytische Bestandteile zerlegt und auf individuelle Handlungen und Interaktionen zurückgeführt.

Dadurch schafft es der analytische Ansatz zwei problematische Tendenzen zeitgenössischer Soziologie zu umgehen: das (meta-)theoretische Erklären ohne empirische Evidenz sowie die Fokussierung auf empirische Korrelationen, die (fast) nichts erklären. Alles in allem ist die analytische Soziologie ein vielversprechender Pfad „(…)between the eclectic empiricism of variable-based sociology and the often vacuous writings of the ‚grand‘ social theorists.“ – Peter Hedström (2005:1).

 

Quellen

Daniel DellaPosta, Yongren Shi, and Michael Macy, „Why Do Liberals Drink Lattes?,“ American Journal of Sociology 120, no. 5 (March 2015): 1473-1511.

Hedström, P. (2005). Dissecting the Social: On the Principles of Analytical Sociology (Vol. 10). Cambridge: Cambridge University Press.

Datenbank für analytische Journals

Wir arbeiten an einer Datenbank von Journals, die eine gute Anlaufstelle für analytische Arbeiten in der Soziologie sind!
Helft uns dabei, indem ihr abstimmt und neue Ideen beitragt!
http://www.allourideas.org/analytische-journals

Unsere vorläufige Liste findet ihr hier:
http://ag-analytische-soziologie.de/wo…/ressourcen/journals/

Neuer Lesekreis am 21.06. um 19:00

Moderner Klassiker oder theoretisches Geschwurbel? Am 21.06. wenden wir uns in unserem neusten Lesekreis Harrison Whites „Where Do Markets Come From?“ zu!
Den Artikel gibt’s hier: https://t.co/zxqraaIGHJ

Auch dieser Lesekreis wird via Discord (https://discordapp.com/) durchgeführt. Ihr findet uns als AGAS#6672. Fügt uns einfach als Freund hinzu!