Analytische Soziologie

„This approach to sociological theorizing and research, which I refer to as ’analytical sociology‘, seeks to explain complex social processes by carefully dissecting them and then bringing into focus their most important constituent components.” – Peter Hedström (2005: 1)

Spätestens seit der Wahl Donald Trumps wird die Situation in den USA, der Konflikt zwischen Liberalen und Konservativen, von vielen Beobachtern als Kulturkampf beschrieben. Wie wir alle wissen, sind Liberale und Konservative zwei soziale Gruppen, die sich mit zwei völlig konträren Lebensstilen gegenüberstehen. Liberale, das sind Menschen, die für die Gleichberechtigung der gleichgeschlechtlichen Ehe sind, die Wissenschaft den Vorzug gegenüber Religion geben, und gerne Jazz hören. Konservative hingegen sind solche, die die Ehe für eine gottgegebene Institution halten, die die Welt in schwarz und weiß einteilen und moderne Kunst als etwas abwerten, das auch von Kindern hergestellt werden könnte.

Diese Liste von Attributen ist vollkommen willkürlich zusammengestellt und spiegelt doch eine fundamentale und längst zu Allgemeinwissen gewordene soziologische Einsicht wieder: Politische Einstellungen, religiöser Glauben, Konsumverhalten, ästhetische Geschmäcker und moralische Überzeugungen sind stark miteinander korreliert. Auf der gesellschaftlichen Makroebene bilden sich dadurch relativ klar abgrenzbare Cluster von Lebensstilen, welche in sozialwissenschaftlichen Erhebungen, wie etwa dem General Social Survey der USA und dem Allbus in Deutschland, immer wieder aufs Neue bestätigt werden. Aber woher kommen diese korrelierten Cluster? Wieso finden wir Menschen uns tendenziell umgeben von Anderen, die ähnliche Attribute haben wie wir?

Aufbauend auf den Arbeiten Pierre Bourdieus hat insbesondere die statistisch orientierte Soziologie versucht solche Korrelationen durch die inhärenten Eigenschaften der Attribute zu erklären. Ein typisches Argument könnte etwa lauten: Da Liberale sozial inklusiv denken und Neuem gegenüber aufgeschlossen sind, hören sie gerne Jazz, welcher von der afro-amerikanischen Randgruppe der USA erfunden wurde Solche Erklärungen sind häufig intuitiv einleuchtend. Die Zusammenhang besteht also in einer sinnhaften Verbindung zwischen dem Attribut „Liberal sein“ und dem Attribut „Jazz mögen“. Bestimmte Kulturobjekte und Einstellungen erscheinen sinnhaft miteinander verbunden, und es erscheint logisch, dass die Erklärung ihrer Korrelation in dieser sinnhaften Verbindung zu suchen ist. Häufig verlangen solche Erklärungen aber auch viel Kreativität auf Seiten des Forschers. Wie beispielsweise lässt sich der Zusammenhang von konservativer politischer Einstellung und Befürwortung von individuellem Waffenbesitz erklären? Gleichzeitig kommt es auch immer wieder zu inkonsistenten Korrelationen: Zwar kann gezeigt werden, dass Liberale seltener beten als Konservative (was intuitiv Sinn ergibt), gleichzeitig fühlen sich Liberale aber auch zu New Age Esoterik hingezogen und lesen häufiger Horoskope (DellaPosta, Shi und Macy 2015). Ansätze in dieser Tradition tendieren zu zwei Lösungen: Entweder werden die Geschichten, die als Erklärungen für solche Zusammenhänge dienen, immer ausgefeilter aber auch weniger generalisierbar, oder der statistische Zusammenhang wird als gegeben akzeptiert und eine theoretische Einordnung ausgeblendet.

Eine dritte Möglichkeit, die beschriebenen sozialen Phänomene zu erklären, wurde in einem Artikel von DellaPosta, Shi und Macy angeboten (2015). Das Modell der Autoren wird hier beispielhaft für den Ansatz analytischer Soziologie vorgestellt. Das Modell repräsentiert eine simple, präzise, handlungs-basierte und generalisierbare Erklärung, denn die Autoren gehen davon aus, dass es zwei soziale Mechanismen sind, die für die beobachteten Phänomene verantwortlich sind: Homophilie und sozialer Einfluss.

Homophilie bezeichnet die Tendenz von Menschen, soziale Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen, die ihnen ähnlich sind – bezogen auf Demographie, sozio-ökonomischen Status oder Einstellungen und Geschmäcker. Sozialer Einfluss bezeichnet das soziale Phänomen, dass Menschen die Verhaltensweisen und Einstellungen derer übernehmen, mit denen sie häufig Kontakt haben – Eltern, Partner, Freunde, Kollegen.

Führt man beide sozialen Mechanismen in einem Modell zusammen, lässt sich die Korrelation von Attributen auf eine neue Weise erklären. Nehmen wir an, ein Akteur A geht eine soziale Beziehung mit einem Akteur B ein, da sie beide eine Vorliebe für Jazz teilen (Homophilie). B ist zufällig auch politisch liberal eingestellt, A hingegen hat keine klar definierte politische Meinung. Nach einiger Zeit, so die Theorie, wird A seine politische Einstellung derer von B anpassen (sozialer Einfluss), sodass beide sowohl den Geschmack für Jazz als auch eine liberale Einstellung teilen. Die interessante Implikation dieses simplen Modells ist nun, dass die Erklärung genauso funktionieren würde, wenn geteilte liberale Einstellung die ursprüngliche Ähnlichkeit ist, welche zur Bildung einer Beziehung führt, und über sozialen Einfluss dann der Geschmack für Jazz von B auf A übergeht. Ebenso würde die Theorie erlauben, jegliche zwei oder mehr Attribute auf diese Weise zu verbinden. Entfernt man sich nun von der dyadischen Situation und stellt sich eine Gesellschaft mit vielen Individuen mit zufälligen Start-Attributen vor, ist leicht vorstellbar, wie diese Individuen sich nach kurzer Zeit in Gruppen zusammenfinden, welche genau die gefundenen Korrelationen aufweisen. Diese Gruppen werden größer und homogener, bis die gesamte Gesellschaft in wenige, klar identifizierbare Cluster differenziert ist.

Credit: Shawn Econo (Flickr, CC-BY-NC-SA-2.0)

Das theoretische Modell der Autoren ist damit relativ simpel und basiert auf präzisen, auch psychologisch gut fundierten, Annahmen über menschliches Verhalten: Homophilie und sozialer Einfluss. Gleichzeitig führt es zu mehreren fundamentalen Einsichten. Erstens lässt sich mithilfe dieses Modells sagen, dass Geschmäcker und politische Einstellungen vollkommen zufällig miteinander korrelieren, und nicht aufgrund der sinnhalten Eigenschaften der Attribute. Zweitens weist das Modell auf die Wichtigkeit hin, die spezifische Verteilung von Attributen in einer Gesellschaft auf spezifische historische Momente zurückzuführen und pfad-abhängigen Entwicklungen bei der Ausprägung von Lebensstilen mehr Gewicht einzuräumen.

Die Autoren bieten damit eine typisch analytische Erklärung an. Sie formulieren klare und präzise Annahmen über menschliches Verhalten und leiten daraus soziale Mechanismen ab, welche zur handlungs-basierten Erklärung sozialer Phänomene herangezogen werden. Das soziale Phänomen wird dazu in seine analytische Bestandteile zerlegt und auf individuelle Handlungen und Interaktionen zurückgeführt.

Dadurch schafft es der analytische Ansatz zwei problematische Tendenzen zeitgenössischer Soziologie zu umgehen: das (meta-)theoretische Erklären ohne empirische Evidenz sowie die Fokussierung auf empirische Korrelationen, die (fast) nichts erklären. Alles in allem ist die analytische Soziologie ein vielversprechender Pfad „(…)between the eclectic empiricism of variable-based sociology and the often vacuous writings of the ‚grand‘ social theorists.“ – Peter Hedström (2005:1).

 

Quellen

Daniel DellaPosta, Yongren Shi, and Michael Macy, „Why Do Liberals Drink Lattes?,“ American Journal of Sociology 120, no. 5 (March 2015): 1473-1511.

Hedström, P. (2005). Dissecting the Social: On the Principles of Analytical Sociology (Vol. 10). Cambridge: Cambridge University Press.

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