AGAS Review #1 – Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550-1720 (Emily Erikson & Mark Hamilton)

In ihrem Artikel Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550-1720 beschreiben die Autoren Emily Erikson und Mark Hamilton wie das vermehrte Aufkommen von Handelskompanien im England des 17. Jahrhundert, gekoppelt an dessen institutionelle Gegebenheiten, zu einer ersten Blüte ökonomischen Denkens führte.

Mikroebene

Ihr Argument entfalten die Autoren hierbei auf meheren Ebenen. Auf der Mikroebene haben Handelskompanien durch ihre umfassenden Handelspriviligien und politische Funktion im Laufe des 17. Jahrhunderts immer wieder Zündstoff für Diskussionen geliefert, so weit diese als Auslöser verschiedener ökonomischer und/oder Handelkrisen angesehen wurden. Die Frage, ob die umfassenden Privilegien Handelskompanien ökonomisch sinnvoll seien oder verändert werde sollten, stand mehr als einmal im Raum des politischen Diskurses, konnte aber aufgrund einer mangelnden Repräsentation an Händlern und Ökonomen im britischen Parlament nicht auf politischer Ebenen erörtert werden. Ohne die Möglichkeit einer direkten politischen Einflussnahme wichen die Diskutanten in den etwa zur gleichen Zeit durch steigende Alphabetisierung entstanden öffentlichen Raum als Diskussionsplattform aus, um so vermittelt durch öffentlichen Druck politische Einscheidungsträger in diese oder jene Richtung zu bewegen. Ökonomen begannen Schriften und Bücher zu verfassen, die sich oftmals mit einer für Handelskompanien relevanten oder auf diese bezogenen Themen beschäftigten und sich für diesen oder jenen Umgang mit Handelskompanien im engeren und für diese oder jene staatswirtschaftliche Ausrichtung im weiteren Sinne aussprachen. Quasi natürlich begannen Widersacher im Streit um öffentliche Aufmerksamkeit und das Gehör politischer Entscheidungsträger auf diese Schriften zu antworten, um in eigenen Werken etwaige Gegenpositionen zu beziehen. Ebenso begannen Gleichgesinnte sich auf frühere Werke ihrer Kollegen zu beziehen, um sich selbst zu legitimieren oder deren Ansätze auszubauen. Somit entstand eine öffentlich – ökonomische Diskussionskultur, die den Austausch und Streit zwischen Ökonomen stark befeuerte und zu einem rasanten Anstieg an ökonomischen Schriften führte.

Makroebene

Das dieser Anstieg tatsächlich mit einem vermehrten Anzahl an Handelskompanien auf institutioneller Ebene zusammen hing, zeigen die Autoren mittels einer Zeitreihenanalyse von zehn Zeitpunkten zwischen 1550-1720. Sie können zeigen, dass sich zu jedem bestimmten Zeitpunkt die Anzahl von Handelskompanien positiv auf die Menge veröffentlicher ökonomischer Schriften auswirkte, nicht jedoch auf zu dieser Zeit sehr nahestehenden politischen oder philosophischen Schriften.

Inhaltliche Ebene

Auf diese Artverwandtschaft beziehen sich Erikson und Hamilton in einem dritten Schritt, in dem sie den Inhalt ökonomischer Schriften im Zeitverlauf über das 18. Jahrhundert verfolgen. Ende des 17. Und Anfang des 18. Jahrhunderts war ökonomisches Denken eingebettet in die Moralphilosophie und beschäftigte sich hauptsächlich mit moralischen Fragen wirtschaftlichen Handelns, Zinswucher und Hauswirtschaft. Mittels qualitativen Inhaltsanalysen stellten die Autoren im Laufe des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts eine thematische Verschiebung zu Thematiken fest, die für Handelskompanien relevant waren wie deren eigener Handel, Überseehandel, aber auch öffentliche Schulden, Finanzwirtschaft und Finanzpolitik.

Biographische Ebene

Auf einer vierten – biographischen – Ebene verfolgen die Autoren den beruflichen Hintergrund der Verfasser von 1550-1710 veröffentlichter Schriften. Sie stellen fest, dass sich die Anzahl an Händlern unter den Autoren im Laufe der Zeit stetig erhöht bis diese ab 1690 sogar den größten Anteil unter den betrachteten Berufsgruppen stellen.

Methodik

Als Datengrundlagen verwenden Erikson und Hamilton einen selbst erstellen Datensatz, welcher haupstächlich aus dem Making of the Modern World Datensatz und dem English Short Title Catalogue besteht und somit den Großteil aller bekannten ökonomsichen Schriften beinhaltet. Diesen unterteilten die Autoren in zehn Zeitpunkte zwischen 1550-1720 und nutzen ein Vektorautoregressionsmodell als zentrales Analyseinstrument. Autoregressionsmodelle basieren auf der Annahme zeitlich geordneter Daten (t0,t1,…,tn) und der Annahme, dass die Ausprägung einer endogenen Variable durch ihre eigenen Vergangenheitswerte bestimmt wird. Ausprägungen zum Zeitpunkt t+1 sind dabei Ergebnisse einer linearen Funktion der Ausprägungen zum Zeitpunkt t unter Einbeziehung von Störeinflüssen. Eine Vektorautoregression generalisiert diesen Prozess zu jedem Zeitpunkt auf mehrdimensionaler Ebene, um die Ausprägung einer abhängigen Variable – in diesem Falle der Anzahl veröffentlicher ökonomischer Texte – zu bestimmen. Um zusätzlich die Zeit einzubeziehen, die es brauchte die Texte zu verfassen, modellierten die Autoren ihr Modell mit einer zeitlichen Verzögerung (Lag) von einem Jahr.

Fazit

Alles in allem ist das Argument der Autoren simpel und einleuchtend auf mehreren Ebenen und wurde fein säuberlich dargelegt. Auch der von den Autoren selbst erstellte Datensatz sowie die analytischen Methoden lassen wenig Raum für Kritik, von durch den Bürgerkrieg entstanden Datenlücken einmal abgesehen. Insbesondere aber ihr Vektorautoregressionmodell profitiert enorm durch den Einbezug spezifischer Kontrollvariablen durch die die gängigen Erklärungen für das Aufkommen ökonomischen Denkens im 17. Jahrhundert quasi ausgeschlossen werden konnten. Diese insgesamt fünf Alternativerklärung beschreiben die Autoren gleich zu Beginn: (1) Erhöhte Komplexität die ökonomischer Erklärungen bedarf; (2) die logistische Komplexität des aufkommenden Überseehandels; (3) das Aufkommen der Nationalstaaten und deren Bedürfnis nach Kontrolle über ökonomische Ressourcen im Hinblick auf militärische Stärke und Expansion; (4) die internationale Konkurrenz zwischen Nationalstaaten und (5) dem Aufkommen des öffentlichen Raums zur etwa gleichen Zeit. Lediglich mehr Informationen über den Vergleich zu den Niederlanden, den die Autoren immer wieder anreißen, wäre wünschenwert gewesen. Erikson und Hamilton untermauern ihr Argument des Einflusses der geringen Repräsentation von Händlern im britischen Parlament mit einem Vergleich zu den Niederlanden, die zur damaligen Zeit ähnlich ökonomisch fortschrittlich waren und in deren Parlament Händler besser repräsentiert und daher nicht gezwungen den Umweg über die Öffentlichkeit zu nehmen, um politischen Einfluss aus zu üben. Die Autoren versäumen es jedoch dem Leser weitere Informationen über die damalige Situation in den Niederlanden an die Hand zu geben, so dass unschlüssig ist wie vergleichbar das England des 17. Jahrhunderts mit den Niederlanden des 17. Jahrhunderts war. Dies ist aber nur ein kleiner Wehrmutstropfen in  einem ansonsten sehr guten und lesenswerten Artikels.

Quelle

Emily Erikson and Mark Hamilton, „Companies and the Rise of Economic Thought: The Institutional Foundations of Early Economics in England, 1550–1720,“ American Journal of Sociology 124, no. 1 (July 2018): 111-149.

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